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Sarglose Bestattung in Tüchern

Eine Ausnahmeregelung, die die sarglose Bestattung in Tüchern gewährleistet, ist, auch wenn sie ausweislich der Gesetzesbegründung zur Wahrung der Religionsfreiheit der Muslime verabschiedet wurde, deren Glauben eine Bestattung im Sarg verbietet, auch auf andere Personen anwendbar, sofern sie substantiiert und glaubhaft vortragen auch ihr Glaube schreibe Ihnen eine sarglose Bestattung vor. (Leitsatz der Redaktion)


Leitsätze:

1. Eine sarglose Erdbestattung in Tüchern im Sinne von § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG […] setzt keinen vorherigen genehmigten Verwaltungsakt voraus. (Rn. 20)

2. Der Anwendungsbereich des § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG […] ist jedenfalls bei Auslegung im Lichte der Verfassung grundsätzlich nicht auf Angehörige des Islam beschränkt. (Rn. 30)

3. Die Religionszugehörigkeit eines Verstorbenen sieht aber nur dann eine sarglose Erdbestattung in Tüchern vor, wenn die Religionsgemeinschaft, der der Verstorbene angehört hat, eine Glaubensregel kennt, die eine sarglose Bestattung gebietet. (Rn.33)

 

Urteil:

 

1. Die Klage wird abgewiesen. […]

 

Zum Sachverhalt:

 

Die Kläger begehren die Feststellung, dass sie nach ihrem Tod sarglos in Tüchern auf einem Friedhof der Beklagten erdbestattet werden dürfen.

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Die Kläger sind ein Ehepaar christlichen Glaubens, das auf dem Gemeindegebiet der Beklagten wohnhaft ist. Die Klägerin zu 1 ist Mitglied der Evangelischen Landeskirche in B.; der Kläger zu 2 ist Mitglied des Zentralrats orientalischer Christen in Deutschland e.V. und gehört im Übrigen seit seinem im Jahr 2003 erfolgten Austritt aus der Evangelischen Landeskirche in B. keiner Religionsgemeinschaft mehr an.

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Mit Schreiben vom 7. November 2017 baten die Kläger die Beklagte darum, die sarglose Bestattung ihrer Körper in einem Leintuch zu genehmigen. Zur Begründung verwiesen sie auf § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG. Die Erdbestattung im Leintuch sei ein urchristlicher Ritus und leite sich direkt von der Bibel ab. Er werde heute noch bei der christlich-koptischen Glaubensgemeinschaft sichtbar. Es gebe nach christlicher Auffassung eine enge Verzahnung zwischen Taufe und Bestattung. Als Täufling komme der Mensch nackt auf die Erde und nackt werde er in die Erde zurückgelegt. Täufling und Leichnam würden lediglich in ein Leintuch gehüllt. Die Grablegung Jesu werde in der Bibel (Lukas 23,53) dahingehend beschrieben, dass er (d.i. Josef aus Arimathäa) ihn (d.i. Jesus) abnahm, ihn in Leinwand wickelte und ihn in ein gehauenes Grab legte, in dem noch nie jemand gelegen hatte. Auch die evangelische Kirchengemeinde ... unterstütze ihr Anliegen.

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Mit Schreiben vom 15. November 2017 lehnte die Beklagte den Antrag der Kläger ab. Zur Begründung führte sie aus, das Bestattungsgesetz erlaube für ihren Fall keine Leintuchbestattung. Diese Regelung sei eindeutig und lasse eine Auslegung im Sinne der Kläger nicht zu. Diese Auffassung vertrete auch das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg. Unabhängig davon könne die Beklagte solche Entscheidungen nicht bereits im Vorfeld treffen, sondern erst bei Vorliegen eines konkreten Sterbefalls.

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Am 7. Februar 2018 haben die Kläger Klage zum Verwaltungsgericht Karlsruhe erhoben mit dem Antrag, die Entscheidung der Beklagten zu überprüfen und ihnen durch richterliche Entscheidung die Bestattung im Leintuch zu ermöglichen.

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Mit Schreiben vom 4. März 2018 legten die Kläger zudem Widerspruch gegen die Entscheidung der Beklagten vom 15. November 2017 ein. Zur Begründung führten sie aus, sie könnten die Begründung der Antragsablehnung nicht nachvollziehen. Das Schreiben der Beklagten vom 15. November 2017 stelle einen Verwaltungsakt dar. […]

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Mit Widerspruchsbescheid vom 16. Juli 2018, zugestellt am 17. Juli 2018, wies das Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis den Widerspruch der Kläger zurück. Zur Begründung führte es aus, der Widerspruch sei zulässig, aber unbegründet. Der Friedhof der Beklagten sei eine durch Satzung gewidmete öffentliche Einrichtung, die der Bestattung verstorbener Gemeindebewohner diene. Damit sei für den Nutzungszweck dieser öffentlichen Einrichtung das Vorliegen eines Sterbefalles ausschlaggebend. Ein Antrag bzw. eine Entscheidung zu Lebzeiten scheide daher bereits dem Grunde nach aus. Zudem ergebe sich aus § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG und aus § 4 Abs. 1 BestattVO, dass die Tuchbestattung an religiöse Bestattungsvorschriften geknüpft sei. Dies sei bei Christen unbestritten nicht der Fall. Weiterhin schreibe der Gesetzgeber den Friedhofsträgern, hier der Beklagten, nicht vor, dass entsprechende Gräberabteilungen anzulegen seien. Er stelle dies vielmehr ins Ermessen der Friedhofsträger. Hiervon habe die Beklagte in ihrer Friedhofssatzung keinen Gebrauch gemacht.

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Zur Begründung ihrer Klage tragen die Kläger ergänzend vor, der Bestattungsritus im Christentum umfasse, dass der Tote mit Leinenbinden zusammen mit wohlriechenden Salben umwickelt werde. Nach der Bibelstelle Johannes 19,40 sei Jesu Leichnam in leinene Tücher „mit Spezereien“ gebunden worden, wie die Juden zu begraben pflegten. Im Islam werde der gleiche Ritus sichtbar. Auch dort werde der mit einem Tuch bedeckte Verstorbene auf die ausgebreiteten und mit Weihrauch parfümierten Leintücher gelegt. Der Islam habe den Ritus der Bestattung konsequent bewahrt. Christen seien dagegen im Holzsarg zu beerdigen, nicht weil es die Religion vorschreibe, sondern weil es Tradition sei. Nichts verbinde die Menschen so sehr wie die Trauer am Grab. Auch die Bestattungsriten von Juden, Christen und Muslimen glichen einander. Die Bestattung des Verstorbenen im Leintuch sei eine solche Gemeinsamkeit. Die Amtskirche in Deutschland zwinge jedoch ihre Mitglieder in den Sarg und fördere auf diesem Weg das Trennende. Es gelte jedoch, das Gemeinsame zu finden und nicht das Trennende zu leben. Bis zum heutigen Tage werde die Bestattung im Leintuch vollzogen, etwa von den Kartäusern und den Trappisten. Sie sei Teil des Christentums und Kern der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam. Das Verleugnen der engen Beziehung zwischen Taufe und Grablegung zerstöre nicht zuletzt das Fundament des Christentums. Die Kirche werde beliebig. Jesus Christus sei Jude gewesen und entsprechend dem jüdischen Ritual beigesetzt worden. Man dürfe einem koptischen Mitbürger/in als erste nachfolgende christliche Gemeinschaft nicht die Erdbestattung in Leinen verweigern, wenn er/sie sich auf den Bestattungsritus der Vorfahren berufe. Im Mittelalter sei die sarglose Bestattung noch üblich gewesen. Sei ein Antrag auf Leintuchbestattung bzw. eine Entscheidung zu Lebzeiten nicht möglich, würde das Bestattungsgesetz ausgehebelt. Das Bestattungsgesetz sei für Lebende gemacht worden und nicht für Verstorbene. Die Haltung der Beklagten verletze Art. 3 Abs. 3 GG.

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Die Kläger beantragen,

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festzustellen, dass sie nach ihrem Tod auf einem Friedhof der Beklagten ohne Sarg in Tüchern erdbestattet werden können, sofern keine gesundheitlichen Gefahren entgegenstehen und sie im Zeitpunkt des Todes Einwohner der Beklagten sind.

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Die Beklagte beantragt,

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Die Klage abzuweisen.

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Zur Begründung führt sie aus, die Klage sei mangels Rechtsschutzbedürfnisses bereits unzulässig. Die Kläger begehrten Rechtsschutz für einen zukünftigen Sachverhalt, sodass es sich um vorbeugenden Rechtsschutz handele. Dieser sei nur sehr eingeschränkt und in besonderen Fällen möglich, die vorliegend nicht einschlägig seien. Weder das Bestattungsgesetz noch die Bestattungsverordnung oder die Friedhofssatzung der Beklagten ermögliche die Beantragung einer bestimmten Art der Bestattung noch zu Lebzeiten. Vielmehr stehe es den Klägern lediglich frei, ihren Willen zu verfügen oder anderweitig zu bestimmen, damit er im Sterbefall bekannt sei. Die Frage, ob diesem im Zeitpunkt des Versterbens der Klägerin oder des Klägers dann entsprochen werden könne und gegebenenfalls wo, könne schon im Hinblick auf die Ungewissheit des Todeszeitpunktes und der in diesem bestehenden Sach- und Rechtslage derzeit gerichtlich nicht geklärt werden. Die Klage sei auch unbegründet. Ein Antrag bzw. eine Entscheidung über die Art und Form der Bestattung bereits zu Lebzeiten sei rechtlich nicht vorgesehen, was vor dem Hintergrund, dass die hierfür maßgebliche Sach- und Rechtslage im Zeitpunkt des Versterbens eines Menschen regelmäßig unbekannt sei, durchaus sinnvoll sei. Eine Vorverlagerung dieses Betrachtungs- und Entscheidungszeitpunkts sei nicht möglich, weil sich die Sach- und Rechtslage bis zum Eintritt des Todes maßgeblich und entscheidungsrelevant verändern könne. Auch sei § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG keine taugliche Anspruchsgrundlage. Denn diese Vorschrift solle ausweislich der Gesetzesbegründung die Integration der Mitglieder der israelitischen Religionsgemeinschaften und der Musliminnen und Muslime stärken. Für Angehörige anderer Religionsgemeinschaften habe die Änderung dagegen keine Auswirkungen haben sollen. Das Christentum sehe auch keine Erdbestattung im Leintuch vor. Selbst wenn sich aus der Bibel und anderen Quellen Hinweise darauf ergäben, dass in früheren Zeiten eine Leintuchbestattung durchgeführt worden sei, lasse sich daraus nicht schließen, dass das Christentum eine Bestattung ohne Sarg als konstitutives Element fordere, wie es beispielsweise der Islam tue. Sie sei rechtlich auch nicht zur Anlegung eines Gräberfeldes für Tuchbestattungen verpflichtet. Ein solches halte sie bislang nicht vor. Eine Verletzung von Art. 3 GG oder Art. 4 GG durch die Ablehnung einer Erdbestattung im Leintuch sei nicht ersichtlich. Der Gesetzgeber habe die Erdbestattung im Leintuch aus sachlichen Rechtfertigungsgründen nur für die Gläubigen solcher Religionen geöffnet, die diese als konstitutives Element ihres Glaubens als Bestattungsvorschrift vorsähen. […]

 

Gründe:

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Die Klage ist zulässig, aber unbegründet.

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1. Die Klage ist zulässig.

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Die Klage ist nach § 43 Abs. 1 VwGO als Feststellungsklage zulässig. […]

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2. Die Klage ist aber unbegründet.

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Die begehrte Feststellung kann nicht ausgesprochen werden. Denn die Kläger haben keinen Anspruch aus § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG darauf, dass sie nach ihrem Tod sarglos in Tüchern bestattet werden. Nach dieser Vorschrift können die Verstorbenen in den Fällen, in denen die Religionszugehörigkeit eine Bestattung ohne Sarg vorsieht, in Tüchern erdbestattet werden, sofern keine gesundheitlichen Gefahren zu befürchten sind.

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a) Die Religionszugehörigkeit der Kläger sieht eine Bestattung ohne Sarg nicht vor.

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aa) Eine Auslegung des § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG nach den anerkannten Auslegungsmethoden führt zu dem Ergebnis, dass die Religionszugehörigkeit nur dann eine sarglose Bestattung vorsieht, wenn die Religionsgemeinschaft, der der Verstorbene zugehört hat, eine Glaubensregel kennt, die eine sarglose Bestattung gebietet.

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Der Wortlaut der Vorschrift („vorsehen“) ist mehrdeutig. Möglich ist zum einen eine Auslegung dahingehend, dass die Möglichkeit einer sarglosen Bestattung allein durch eine entsprechende Glaubensregel der Religionsgemeinschaft, der der Verstorbene zugehört hat, eröffnet wird. Der Begriff „vorsehen“ wäre dann im Sinne von „festlegen“, „bestimmen“ […] oder „gebieten“ zu verstehen. „Vorsehen“ kann nach dem allgemeinen Sprachgebrauch jedoch auch in einem weiteren Sinne als „ermöglichen“, „gestatten“ oder „nicht entgegenstehen“ verstanden werden.

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Die historische Auslegung der Vorschrift streitet für eine enge Auslegung. Der Gesetzgeber wollte die Möglichkeit einer Bestattung in Tüchern „aus religiösen Gründen“ eröffnen. Dies sollte insbesondere der Integration von Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit islamischer Religionszugehörigkeit dienen. Auswirkungen auf die Bestattungspraxis bei Verstorbenen, die den anderen abrahamitischen Religionen oder keiner Religion angehören, erwartete der Gesetzgeber dagegen nicht […]. Nach Auffassung des Gesetzgebers erfüllt also jedenfalls der Islam die Anforderungen der Vorschrift. Dieser kennt grundsätzlich ein Verbot der Bestattung im Sarg […]. Die Ausführungen des Gesetzgebers zu Verstorbenen anderer Religionen lassen sich nach Auffassung der Kammer nicht für eine weite Auslegung des Begriffs „vorsehen“ fruchtbar machen. Denn diese sind insoweit unergiebig, als sie die im Wortlaut angelegte Differenzierung zwischen religionszugehörigen und nicht religionszugehörigen Verstorbenen übergehen. Im Übrigen hat der Gesetzgeber wie ausgeführt eine Änderung der Bestattungspraxis bei Verstorbenen, die nicht dem Islam zugehören, nicht intendiert. Soweit der Gesetzgeber darüber hinaus ausführt, dass für eine Erdbestattung in Tüchern ohne Sarg allein der dahingehende Wille der Verstorbenen entscheidend sei […], führt auch dieser Aspekt bei der Beantwortung der in Rede stehenden Auslegungsfrage nicht weiter. Denn die Möglichkeit, sich per letztwilliger Verfügung für eine sarglose Bestattung zu entscheiden, ist nach der Vorstellung des Gesetzgebers wohl überhaupt nur für Verstorbene eröffnet, deren Religionszugehörigkeit eine solche vorsieht.

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In systematischer Hinsicht handelt es sich bei § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG um eine Ausnahmevorschrift, was eine enge Auslegung nahelegt. Denn aus § 39 Abs. 1 Sätze 1 und 2 ergibt sich, dass die Erdbestattung im Holzsarg nach wie vor die Regel ist.

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Auch das Telos der Vorschrift spricht für eine enge Auslegung. Denn dieses besteht nach der Überzeugung der Kammer darin, die verfassungsrechtlich garantierte Glaubens- und Bekenntnisfreiheit (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG) im Bereich des Bestattungsrechts umfassend zu verwirklichen. Anhaltspunkte dafür, dass der Gesetzgeber darüber hinaus die sarglose Bestattung auch in Fällen ermöglichen wollte, in denen diese nicht verfassungsrechtlich indiziert ist, sind nicht ersichtlich. Der Schutzbereich des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ist aber nur für solche Verhaltensweisen eröffnet, die aufgrund einer Glaubensregel als verpflichtend empfunden werden […]. Besteht in der Religionsgemeinschaft, der ein Verstorbener zugehört hat, eine Glaubensvorschrift, die eine sarglose Bestattung gebietet, sieht seine Religionszugehörigkeit dieselbe auch nach der engen Auslegung vor.

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bb) Auch eine Auslegung des § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG im Lichte der Verfassung führt zu keinem anderen Ergebnis. Weder die Glaubens- und Bekenntnisfreiheit nach Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 GG noch das Verbot der Benachteiligung aus religiösen Gründen nach Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG erfordern eine weitere Auslegung der Vorschrift.

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Der Schutzbereich der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit (Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 GG) umfasst neben der inneren Freiheit, zu glauben oder nicht zu glauben, das Recht des Einzelnen, sein gesamtes Verhalten an den Lehren seines Glaubens auszurichten und dieser Überzeugung gemäß zu leben (BVerfG, Beschluss vom 27.01.2015 – 1 BvR 471/10 […]). Die staatlichen Organe dürfen dabei prüfen und entscheiden, ob hinreichend substantiiert dargelegt ist, dass sich ein bestimmtes Verhalten tatsächlich nach geistigem Gehalt und äußerer Erscheinung in plausibler Weise dem Schutzbereich des Art. 4 GG zuordnen lässt (BVerfG, Beschluss vom 27.01.2015 – 1 BvR 471/10 […]). Hierfür muss der Einzelne die Existenz einer Glaubensvorschrift nachweisen, indem er substantiiert und nachvollziehbar darlegt, dass eine bestimmte Verhaltensweise nach gemeinsamer Glaubensüberzeugung als verpflichtend empfunden wird ([…]; BVerfG, Urteil vom 15.01.2002 – 1 BvR 1783/99 […]; BVerwG, Urteil vom 25.08.1993 – 6 C 8/91 […]). Dabei ist Bezugspunkt nicht notwendigerweise die jeweilige Religion im Ganzen. Abzustellen ist auf die konkrete, gegebenenfalls auch innerhalb einer Glaubensrichtung bestehende Religionsgemeinschaft ([…]; BVerfG, Urteil vom 15.01.2002 – 1 BvR 1783/99 […]). Eine solche stellt jede Gruppe von Menschen dar, die eine gemeinsame Glaubensüberzeugung verbindet (BVerfG, Urteil vom 15.01.2002 – 1 BvR 1783/99 […]). Der Schutzbereich des Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 GG umfasst also die hier in Rede stehende sarglose Bestattung nur dann, wenn der zu Bestattende einer konkreten religiösen Gemeinschaft – auch innerhalb einer größeren Glaubensrichtung – angehört, die diese Bestattungsart nach gemeinsamer Glaubensüberzeugung als verpflichtend empfindet. In diesem Fall sieht die Religionszugehörigkeit in der von der Kammer gefundenen Auslegung eine sarglose Bestattung in Tüchern im Sinne von § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG vor. Ungeachtet der missverständlich formulierten Gesetzesbegründung findet die Vorschrift bei Auslegung im Lichte des Art. 4 GG danach grundsätzlich auch auf andere Religionen als den Islam Anwendung.

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§ 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG verletzt in der dargestellten Auslegung auch nicht Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG. Nach dieser Vorschrift darf niemand wegen seines Glaubens oder seiner religiösen Anschauung bevorzugt oder benachteiligt werden. Die Vorschrift verbietet mithin eine Ungleichbehandlung wegen des Glaubens oder der religiösen Anschauungen. Eine solche Ungleichbehandlung enthält die fragliche Regelung nicht. Auszugehen ist insoweit zunächst von der Feststellung, dass der Sargzwang in § 39 Abs. 1 Satz 1 BestattG grundsätzlich für jedermann gilt und damit nicht gegen eine bestimmte religiöse Zugehörigkeit oder Überzeugung gerichtet ist. Auch innerhalb der Ausnahmeregelung des § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG liegt keine unzulässige Differenzierung aus Gründen der religiösen Anschauung vor. Zwar gewährt die Vorschrift eine Ausnahme vom Sargzwang, wenn die Religionszugehörigkeit des Verstorbenen dies vorsieht, während sie für die Angehörigen anderer Religionen die Ausnahmemöglichkeit versagt. Dies stellt jedoch keine unzulässige Diskriminierung dar. § 39 Abs. 1 Satz 3 knüpft an das Bestehen einer von dem Verstorbenen als verpflichtend empfundenen Glaubensregel hinsichtlich der Art der Bestattung an. Das Kriterium des „Vorsehens“ der Religionszugehörigkeit ist sachlich gerechtfertigt, weil es eine dem Gesetzeszweck gerecht werdende Abgrenzung zu individuellen, subjektiven Wunschvorstellungen ermöglicht. Denn anderenfalls würde der Sargzwang unterlaufen […].

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cc) Die Religionszugehörigkeit der Kläger sieht eine sarglose Bestattung nicht vor. Denn sie haben nicht substantiiert und nachvollziehbar dargelegt, dass eine Glaubensregel, die diese Bestattungsart gebietet, existiert. Darüber hinaus ergibt sich aus ihrem Vortrag auch nicht, dass sie die sarglose Bestattung subjektiv als verpflichtendes religiöses Gebot empfinden.

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Die Kläger haben in der mündlichen Verhandlung vor dem erkennenden Gericht am 19. September 2019 erklärt, ihr Wunsch nach einer sarglosen Bestattung beruhe nicht auf einem Glaubenssatz; er sei nicht formal, sondern emotional begründet. Ihr Glaube unterliege keiner formaljuristischen Festlegung. Sie verfügten auch nicht über ein Netzwerk von Gleichgesinnten; gleichwohl würden sie im persönlichen Gespräch immer wieder Zustimmung erfahren. Es würde sie auch nicht in Gewissensnot bringen, sich im Sarg bestatten zu lassen; es handele sich nicht um einen inneren Konflikt. Es gebe schlimmere Schicksale. Zentral sei nicht die Form der Bestattung, sondern der Auferstehungsglaube. Auch bei den Kopten sei die sarglose Bestattung zwar in ihrer Herkunftsregion üblich, aber nicht zwingend. In Deutschland würden diese mit Sarg bestatten. Ein Gebot der Tuchbestattung bestehe im Christentum nicht, weil die Bestattungsart zweitrangig sei. Das Christentum verbiete eine sarglose Bestattung aber auch nicht. Die Leintuchbestattung sei auch Teil des Christentums gewesen. Neben den christlichen Gründen hätten sie noch weitere für ihren Bestattungswunsch. Sie hätten einfach ein besseres Gefühl dabei, sich sarglos bestatten zu lassen. Sie hätten das bewusst als Ehepaar alleine durchgezogen. Ob es sich um eine kleine Einheit handele oder eine große, sei nach ihrem Gerechtigkeitsempfinden unerheblich.

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Mit diesem Vortrag ist es den Klägern weder gelungen, substantiiert und nachvollziehbar darzulegen, dass es zumindest in ihrer Religionsgemeinschaft eine Glaubensregel gibt, die eine sarglose Bestattung im Leintuch gebietet, noch, dass sie diese Bestattungsart aus religiösen Gründen als für sich verpflichtend empfinden. Der von den Klägern geltend gemachte, u.a. durch ihren Glauben motivierte Wunsch genügt insofern ebenso wenig wie ihre Zugehörigkeit zu einer Religion, die die sarglose Bestattung nicht verbietet. Die Kläger haben auch eingeräumt, dass sie mit ihrem Wunsch, sich sarglos bestatten zu lassen, nicht Teil einer Gruppe von Gleichgesinnten („Netzwerk“) sind, sondern diesen bewusst einzeln verfolgen.

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Eine von den Klägern als verpflichtend empfundene Glaubensregel hinsichtlich der sarglosen Bestattung ergibt sich auch nicht aus dem unter der Überschrift „Die Leintuchbestattung der Christen – Koptische Kirche“ geschilderten Bestattungsritus der koptisch-orthodoxen Kirche, auf den der Kläger zu 2 in der mündlichen Verhandlung verwiesen hat. Danach wird der Leichnam nach der Waschung in ein weißes Tuch gewickelt. Diesem Textabschnitt kann allenfalls eine Regel hinsichtlich der Bekleidung des Verstorbenen entnommen werden, über die Zulässigkeit der Verwendung eines Sarges trifft er dagegen keine Aussage. Im Übrigen haben die Kläger selbst eingeräumt, dass die Kopten in Deutschland ihre Toten im Sarg bestatten. Auch dass die katholischen Orden der Kartäuser und Trappisten ihre Toten möglicherweise bis heute sarglos bestatten, begründet kein anderes Ergebnis. Denn dass diese Praxis als religiös verpflichtend empfunden wird, haben die Kläger ebenso wenig dargelegt wie ihre Zugehörigkeit zu einem dieser Orden. Eine weitere Aufklärung, etwa durch Hinzuziehung theologischen Sachverstands, war demnach nicht geboten.

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Ob die Beklagte bei Vorliegen der Voraussetzungen des § 39 Abs. 1 Satz 3 BestattG dazu verpflichtet wäre, rechtlich und tatsächlich die Möglichkeit einer sarglosen Bestattung auf ihrem Friedhof zu schaffen, kann daher vorliegend dahinstehen. […]

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